Der eingebildetste Kranke der Welt

Teil IV – Hypochonder aller Länder vereinigt euch!

II

»Möchte sich vielleicht sonst jemand der Gruppe öffnen?«
Vereinzelt gehen zaghaft einige Hände nach oben. Drei Menschen sind neu in unserer Gruppe. Der Gruppenleiter ruft eine junge Frau auf, die einen Mundschutz trägt.
»Ja, bitte. Sie sind neu hier, nicht wahr?«
Die junge Frau nickt.
»Wie heißen Sie?«
»Tanja«, klingt es dumpf durch die Schaumstoffmaske vor ihrem Mund.
» ›Tanja‹ «, wiederholt der Gruppenleiter, »freut mich, Sie kennenzulernen. Wollen Sie uns mitteilen, was Sie heute hierher geführt hat?«
»Na ja, ich habe in der Vergangenheit«, setzt die junge Dame an, derweil unter den anderen Gruppenteilnehmern geraunt wird.
»Tanja, wenn ich Sie kurz unterbrechen darf«, hakt der Gruppenleiter ein, »wir können nur sehr schwer verstehen, was Sie sagen. Wie wäre es, wenn Sie den Mundschutz für einen Moment ablegen? Nur solange, wie Sie reden.«
Die junge Dame, Tanja, wirkt konsterniert. Ihre Augen sind weit aufgerissen und bewegen sich hastig von der einen zur anderen Seite. Sie weiß nicht, was sie tun soll.
»Das ist natürlich nur ein Vorschlag. Keiner hier zwingt Sie oder will Sie zu etwas überreden, bei dem Sie sich unwohl fühlen.«
Sie zögert. Gegenüber im Kreis fuhrwerkt ein älterer Herr hastig unter seinem Hemd herum.
Schließlich ringt sie sich dazu durch, die Hände an die Gummistrippen ihrer Maske zu legen und sie vom Kopf zu ziehen. Auch ihr wird applaudiert. Sie lächelt ein Lächeln, so strahlend und ehrlich, wie es Oskar-Preisträger nicht zustande bringen. Tanjas Nachbarin will sie anerkennend in den Arm nehmen, doch sie weicht zurück. Zu viel.
»Wie sie merken, sind wir alle sehr stolz auf Sie«, sagt der Gruppenleiter nicht minder lächelnd. Der ältere Mann beackert unter seinem Hemd die andere Seite seines Oberkörpers, bis er schließlich einen zylindrischen Gegenstand zum Vorschein bringt. Er schraubt eine blaue Kappe darauf und lässt ihn rasch in dem Rucksack neben sich verschwinden.

Wüste 2

Eine Dame, schätzungsweise Mitte vierzig, sitzt auf acht Uhr und lächelt schon seit Beginn des Treffens leise in sich hinein. Sie sieht sehr gepflegt aus und scheint sehr bedacht auf ihr Äußeres. Der Gruppenleiter bemerkt ihr Lächeln ebenfalls und spricht Sie an.
»Lydia, irre ich mich, oder sehen Sie heute besonders zufrieden aus?«
Ihr Strahlen erhöht sich von Energiesparlampe auf 12o Watt.
»Ich habe einen Mann kennengelernt!«, platzt es aus ihr heraus, »Er nimmt mich, wie ich bin und wir sind sehr glücklich zusammen!«
Mit ›er nimmt mich, wie ich bin‹ meint Lydia, »er nimmt mich so hässlich, wie ich bin.«
Lydia ist nicht hässlich, nicht mal ein wenig. Sie ist eine sehr hübsche Frau, die aber der Überzeugung aufsitzt, sie sei von Geburt an missgebildet und entstellt. Der ältere Herr gegenüber im Kreis hat die Hände schon wieder unter seinem Hemd.
»Ich freue mich für Sie«, sagt der Gruppenleiter, »Sie sehen sehr schön aus, wenn Sie glücklich sind.« 120 Watt bis Supernova.
»Man, der Typ stinkt vielleicht.«
Ich blicke mich um. Wer hat das gesagt? Welches Arschloch hier besitzt die Stirn, so etwas zu sagen? Im Kreis entdecke ich keinen, der sich zu der Aussage bekennen würde, aber auch keine Empörung. Das Treffen nimmt seinen gewohnten Lauf.
»Das ist ja ekelhaft. Findest du nicht?«
Keiner merkt auf, keiner hört auf, zu sprechen. Ich ahne Böses.
»Du solltest es ihm sagen.«
Halt dein Maul, denke ich, halt dein Scheißmaul!
»Was denn? Er stinkt nun mal bestialisch und das sollte er wissen.«
Er stinkt nicht.
»Findest du? Ich – für meinen Teil – fühle mich beleidigt von seinem Gestank. Wieso du das riechst, ist mir unbegreiflich. Vielleicht ist ja etwas bei dir nicht in Ordnung. Plötzlicher Verlust des Geruchssinns kann Zeichen eines Hirntumors sein.«
Guter Versuch, Stimme.
»Oder aber, deine Anosmie ist Frühsymptom einer aufkeimenden Parkinson-Erkrankung.«
Während die Stimme mich mit potentiellen Gründen für meine angebliche Geruchsunfähigkeit beliefert, fange ich an, in umgekehrten Fight-Club-Duktus zu denken. Verlust des Geruchssinns kann begründet sein durch: Hirntumor, Virusinfektion, Morbus Parkinson. Die Stimme weiß es, weil ich es weiß!
Ich habe weder einen Tumor, noch Parkinson, denke ich, ich werde nicht sterben und du kannst dich jetzt wieder verpissen!
»Erst, wenn du dem Typen gesagt hast, dass er stinkt wie eine mit Schweinedung gefüllte Smegma-Socke.«
Nein!
»Du willst mich doch nicht zwingen, dir etwas anzutun, oder?«
Was solltest du mir schon antun? Du hast keine Macht mehr über mich.
»Ach wirklich?«, sagt die Stimme in meinem Kopf.
Im selben Moment peitscht ein ungeahnter Schmerz durch meine Körpermitte und scheint mich zu zerteilen wie ein Blitz den Baum.
Ich stöhne, fasse mir an die Brust – was nicht unbemerkt bleibt.
»Geht es Ihnen gut?«, fragt mich der Gruppenleiter plötzlich.
»Ja,ja. Es geht schon«, ächze ich, »das sind nur Rückenschmerzen.«
»Siehst du?«, sagt die Stimme, »Genau so viel Macht habe ich noch über dich. Und jetzt, sag dem Typen, dass er verdammt noch mal stinkt. Zwing´ mich nicht zu etwas, das wir beide nicht wollen!«
Komm schon, denke ich, hab´ doch mal ein bisschen Erbarmen. Dem Mann geht es nicht gut. Er denkt fast sein ganzes Leben lang Jahren, dass er einen unangenehmen Geruch versprüht. Er hat einen Waschzwang, benutzt Deodorants, die man nur im Ausland bekommt und versaut sich seine Haut mit alledem. Er verlässt kaum das Haus, weil er überzeugt ist, dass er seine Mitmenschen mit seinem Geruch belästigt. Der Typ hat große Probleme und kann es echt nicht gebrauchen, dass ihn noch jemandem in seinem Denken bestätigt.
»Tu es, oder du stirbst!«
Mein versöhnlicher Tonfall und der Appell an das Mitgefühl der Stimme zeigen keinerlei Wirkung.
Nein!
»Ist das deine letzte Antwort?«
Ja.

Ein weiterer Schlag durchzuckt mich und fegt mich von meinem Stuhl. Dieser ist allerdings anders. Ich erfahre plötzlich am eigenen Leib, warum der Schmerz bei einem Herzinfarkt »Vernichtungsschmerz« genannt wird. Ich winde mich am Boden. Alle springen von ihren Stühlen auf und versuchen, mir zu helfen. Mir muss man aber nicht helfen – oder kann man mir nicht helfen? Ich weiß nicht, was das ist.
Irgendjemand brüllt die Worte »schnell«, »Hilfe» und »Herzinfarkt« in sein oder ihr Telefon.
»Das sind nur Rückenschmerzen!«, brülle ich wiederholt in den Raum, während ich auf einem Rollwagen heraus gebracht werde.
»Wir werden alle sterben!«, brüllt einer der Teilnehmer, während alle verängstigt im Kreis rennen.

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Der eingebildetste Kranke der Welt

Teil I

V – Hypochonder aller Länder vereinigt euch!

I

Das ist kein Herzinfarkt. Das sind einfach nur Rückenschmerzen. Dieses Drücken in der Brust, dieses Engegefühl, diese Taubheit im linken Arm. Das sind Rückenschmerzen, sagen die Ärzte. Mein EKG ist lupenrein. Auch unter Belastung liegen Puls und Blutdruck weit unter dem, was irgendwie gefährlich werden könnte. Wo ich eine koronare Herzerkrankung in meinem Alter her haben wolle, fragen mich die Ärzte jedes Mal, wenn ich um eine Untersuchung bitte. Der kalte Schweiß, die Übelkeit, die panische Angst, die langsam in mir hochsteigt, das ist kein Herzinfarkt.
Es kann eigentlich überhaupt keiner sein! Ungefähr 40 % aller Herzinfarkte ereignen sich morgens zwischen 6 und 10 – und es ist gleich halb elf.

Einen Infarkt zu bekommen würde mir auch gerade überhaupt nicht passen. Ich sitze in einem Stuhlkreis mit vielen Menschen um mich herum. Würde ich jetzt und hier in mich zusammenbrechen und sterben, zöge ich die ganze Aufmerksam auf mich und würde für eine sehr unangenehme Stimmung sorgen. Aus der Hosentasche zücke ich meine Liste von Situationen, in denen der plötzliche Herztod etwas ungelegen käme. Ich will das Wort »Stuhlkreis« hinzufügen.
Bis jetzt habe ich notiert: Bühne, Sex, Zugfahrt, Stendal, Trennung, Hochzeit, Beerdigung, Kindergeburtstag, Mama´s Geburtstag, Papa´s Geburtstag, jeder scheiß Geburtstag, Zirkus, Flixbus, Abschiedskuss, Dienstschluss.
Ich meine, das wäre wirklich total ärgerlich, wenn man den ganzen Tag lang gearbeitet hat, nur um dann nach dem Dienstende zu sterben. Ein Herzinfarkt direkt bei Arbeitsbeginn hingegen wäre etwas, das man durchaus positiv betrachten könnte. Immerhin wäre dann Feierabend.
Ich beschließe, der Vollständigkeit halber, eine Liste zu erstellen, die eine Herzattacke anhand ihrer Chancen und Perspektiven darstellt.
»Herzinfarkt«, murmele ich vor mich her und überlege, in welchen Situationen der Herztod hilfreich sein könnte.
»Laander?«, reißt mich eine Stimme aus meinen Gedanken, »Laander?«
Ich merke auf. Alle Blicke der im Stuhlkreis befindlichen Menschen sind auf mich gerichtet.
»Laander?«, sagt die Stimme nun etwas fordernder.
Sie gehört zu dem Mann, der auf drei Uhr im Kreis sitzt. Auch sein Blick ruht erwartungsvoll auf mir. »Wollen Sie sich uns vielleicht mitteilen?«
»Nein, danke.«
»Oh. Sie haben aber etwas von einem Herzinfarkt gemurmelt. Sicher, dass Sie nicht darüber reden möchten? Sie scheinen in Sorge zu sein.«
»Nein, nein. Alles gut«, sage ich, »Ich mache mir keine Sorgen mehr. Ich weiß, dass ich nicht demnächst sterben werde.«
Applaus brandet aus der Selbsthilfegruppe auf. Mein Nachbar klopft mir anerkennend auf die Schulter.
»Freut mich zu hören«, sagt der Gruppenleiter, »Wie steht es mit der ›Stimme‹, von der Sie berichtet haben? Der kleine Teil in Ihnen, der Ihnen einreden will, dass Sie bald sterben könnten.«
Ich zucke leicht und unmerklich zusammen. Die Stimme.
Ich habe sie schon eine ganze Weile nicht mehr gehört. Seit dem sie weg ist, geht es mir viel besser. Ich war seit mehr als einem Jahr nicht mehr in der Notaufnahme. Ich habe mir ausgeredet, dass ich etwas habe. Gleichzeitig habe ich gelernt, mir einzureden, dass mir nichts fehlt. Ich habe eine Entwicklung durchlaufen von jemandem, der minutiös auf jedes Zeichen seines Körpers achtet, zu jemandem der seine Impftermine todesverachtend ignoriert. Meine Impfung gegen Polio, Diphtherie und Tetanus ist seit einem halben Jahr überfällig. Ich bin der schlechteste Hypochonder der Welt! Und ich bin stolz darauf.
»Laander«, sagt der Gruppenleiter, »Was ist mit der Stimme?«
»Ach so, die«, sage ich lässig, »die ist weg.«
Abermals wird mit applaudiert. Ein sehr schönes Gefühl.

Möbelhäuser und Heuchelei

– 19.07.2017 –

Gestern bekam ich die wahrscheinlich witzigste Auftrittsanfrage meiner bisherigen Karriere. Oder die am wenigsten witzige. Wie man es nimmt…

Meine Lesebühne Club der Zotendichter und ich sollten bei den Eröffnungsfeierlichkeiten des neuen IKEA Möbelhauses in Magdeburg auftreten. Ich dachte ernsthaft, nach der Anfrage im letzten Jahr, bei der Eröffnung einer Vero-Moda-Filiale in Stendal meine Texte zu lesen, könnte es nicht noch absurder werden. Falsch gedacht…

Witzig ist es deshalb, weil ich seit Jahren gern witzelnd mit der Einstellung hausieren gehe, dass die Karriere eines Künstlers unweigerlich beendet ist, wenn er bei der Eröffnung eines Baumarkts, eines Autohauses, eines Möbelhauses oder beim Altstadtfest in Haldensleben auftritt.

Ich habe den Aufritt meinerseits ohne langes Überlegen abgelehnt. Nicht etwa, weil – laut meinem Dafürhalten – meine Karriere dann beendet wäre, bevor sie überhaupt angefangen hat. Auch nicht wegen der beleidigend niedrigen Gage, die angeboten wurde. Ich lehnte es ab, weil ich es ablehne, für einen Konzern wie IKEA auf die Bühne zu gehen. Bei all der Kritik, die an IKEA geübt wird, sei es wegen Korruption, Diskriminierung von Frauen und Farbigen oder Überwachung von Mitarbeitern, könnte ich nicht guten Gewissens eine Veranstaltung von bzw. für IKEA durch meine Bühnentätigkeit supporten.

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Wie in vemutlich jedem Menschen, der kritisch das Maul aufreißt, steckt auch in mir ein kleiner Heuchler. Ich muss zugeben, das eine oder andere Stück von dem schwedischen Möbelgiganten daheim stehen zu haben. Jedoch handelt es sich hierbei meiner Ansicht nach um zwei unterschiedliche Sachverhalte. Als Privatperson Produkte von IKEA zu kaufen steht für mich auf einem anderen Blatt, als als kritischer Künstler, der öffentlich Konzerne wie Nestlé oder McDonalds kritisiert, den Blaugelben gewissermaßen einen Ritterschlag zu erteilen.

Vermutlich interessiert es ohnehin niemanden, wo ich auf die Bühne gehe oder nicht. Aber entgegen meinem inkonsequenten Konsumverhalten ist mir meine Integrität als Künstler sehr viel wert.

Dieser Umstand ist entweder ein perfekter Beweis für meine Heuchelei oder für das Existieren einer Möglichkeit der strikten Trennung zwischen Privatperson und Kunstfigur…

Donald Trump, inzestuös, Suchtverlagerung oder Magdeburger Blitzpoesie

Beim Festival „Die Insel“ in Magdeburg hatten mein geschätzer Lesebühnen-Kollege Tobias Glufke und ich ein erbittertes Leseduell. Im Rahmen dessen gab es eine Impro-Runde, für die das Publikum uns folgende Begriffe zurief:

Donald Trump, inzestuös, Suchtverlagerung

In 6 Minuten schrieb ich folgendes Gedicht:

 

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Als Donald Trump…äh…
die alte Nazischlampe
eines Tags im weißen Haus erwachte,
dachte er bei sich:
„Nee, das will ich nich!

Ich will das nich, ich will das nicht!
Die Menschen sehen mein Gesicht
und hassen mich.
Jetzt bin ich am Präsidenten-Ruder,
ich inzestuöses Kind
von Karotten-Schwester
und Karotten-Bruder.

War besessen von Macht,
dann die Offenbarung:
Ich brauche eine Suchtverlagerung.
Wollte doch nur Anerkennung,
Probleme aufzeigen.
Jetzt kann mich niemand mehr leiden.

Wollte doch nur Künstler sein,
allen zeigen, groß und klein,
was auf dieser Welt abgeht.
Zeigen, wo der Zeiger steht,
wenn man,
wenn man schimpft, hetzt
und Scheiße erzählt,
ins Präsidentenamt wird gewählt.“

Am Ende die Frage:
Ist Donald Trump vielleicht der größte Satiriker der Welt,
oder nur ein Arschloch mit viel Geld?

Zweites!

​Verdammte Scheiße, ich muss irgendwie reich werden…

Ich denke über das Schreiben eines Entwicklungsromans nach. Ein alter Mann lebt einsam in den schwedischen Wäldern. Seine einzige Verbindung zur Außenwelt ist sein Macbook, mit welchem er skyped. 
Eines Tages zerstört ein Computervirus heimtückisch sein Kommunikationsgerät, für das er nahezu seine gesamte Habe hergegeben hat. Aus pekuniärer Not heraus ist er gezwungen, sich einen Microsoftcomputer zu kaufen. Widerwillig setzt er sich mit dem furchtbaren Betriebssystem auseinander, weiß er doch, dass ihm nichts Anderes übrig bleibt. 
Mit der Zeit freundet er sich jedoch mit dem Betriebssystem an und sie erleben die größten Abenteuer zusammen…
Titel des Romans: 

Pettersson und Windows 

Der Einarmige, der auf dem Fahrrad Zigaretten dreht

Auf einem Fahrrad sitzt ein Mann
und tritt in die Pedale.
Die Sonne steht in ihr´m Zenit und knallt
auf die aschfahle
Glatze.
Das Gesicht zur Faust geballt
radelt er stoisch wie zum Trotze.

Der Schriftzug Marke ›Diamant‹
hängt über dünnen, rost´gen Speichen.
Am Lenker,
auf Antirutschband,
hängt des Mannes Markenzeichen:
Nur eine Hand.

Nur ein Arm, nur eine Hand.
Als wär´dem Mann das Hirn verbrannt.
Löst er nun auch noch diese eine
vom Griff,
gibt das Steuer frei
und trifft
in seiner Jacke
auf ein Päckchen Tabak,
der feine,
schwarze.
Nicht steuerfrei.

Noch in dem Pennerunterschlupf
aus feinstem Polyester,
packt er die dunklen Tabakfädenvogelnester
und stupft
sie in ein winzig Blatt Papier.
Dreht´s ein Mal von da nach hier,
dreht´s noch einmal,
leckt´s dann an,
steckt´s in Brand
und zieht daran.

Ein Mann von altem Schrot und Korn
Ein Mann wie eine stolze Eiche,
der Freude hatt´ an Buche, Beize, Buchs und Bleiche,
der zum Werken war gebor´n.
Ein Herr für´s Grobe,
nicht den feinen Pinselstrich,
ein Herr, ein Name den der Herrgott lobe:
Birmerich.

Birmerich, der Werkenlehrer,
seines Zeichens guter, fairer,
macht´einst einen schweren Fehler,
anzuvertauen den Werkraumschlüssel,
Peter – nichts als Scheiße in der Schüssel.

Peter, seines Zeichens Fauler, Frecher,
prädestiniert, ambitioniert,
zum Schulabbrecher.
Schwänzend, schwatzend, schwindend in der Masse,
schändlich alle Menschen schindend,
Abschluss – wenn´s gut läuft – achte Klasse.

Peter, von allen ›Pete‹ genannt,
hatte das Schüler-Lehrer-Verhältnis sehr verspannt.
Am ersten Tag in der Lehranstalt,
im Unterricht,
da dachte sich Pete: »Moment mal. Halt,
den fick´ ich, diesen Werkenwicht.
Den falt´ich zusammen, den laber´ich dicht.«

»Yo!«, hub der Bub an,
»Für den Scheiß hier bin ich nicht der Mann.
Dieser Boy hat nix Bock auf Unterricht im Worken.
Dieser Boy packt seinen Cock in Chicks, die twerken.
Du Otto hast hier Spaß mit Bast.
Ich deale auf der Straße Gras, Spast.
Ey listen, Mr. Birmerich.
Tonite you gonna be my bitch!«.

Birmerich dachte an Paidagōgós,
antiker Erzieher der Knaben,
und fragte sich, ›Was mach´ ich denn nun bloß?
Was soll man denn dazu noch sagen?«

Der Lehrer,
seit jeher
sachlich und kühl.
Sprach zu dem Gör
mit Feingefühl:
»Nu´ pass ma uff, du Pfeifenzeisig,
wenne hier ´rummuckst,
dann reiß´ ich dir ´n Kopp ab
und scheiß dir in ´n Hals,
dass de dich umguckst!«

Es geriet Pete an jemand,
der ihm die Grenzen aufwies,
was ihn vor Erstaunen erblassen
und auch Respekt bekommen ließ.

So konnten sich schließlich Lehrer
und Kind
so etwas wie vertragen.
So wie zwei Kerle,
wenn sie sich schlagen,
danach auf einmal Freunde sind.

Ihr Schicksal verwob sich mehr und mehr,
Peter mochte den Lehrer
und der Lehrer Peter später auch sehr,
er,
war stolz auf den Knaben,
und gab ihm Aufgaben,
die zum Mann ihn machen sollten.
Die Lehrerkollegen ihm fortwährend grollten.
Das wär´nicht gesund, das wär nicht normal.
»Ach, haltet den Mund, das ist mir egal.«
Er gab Pete den Schüssel zu seinem Reich.
»Schließ´ schon mal auf, ich komme gleich.
Wirst du mir auch versprechen, artig zu sein?«
»Ja«, sagte Peter.
Nein.

Das falsche Versprechen
des Falschen,
des Frechen,
war das Verhängnis des eifrigen Pädagog´,
weil Peter log.

Er warf die Kreissäge an,
zückte sein Telefon,
und zum Beweis
seiner Mann-
barkeit,
oder vielmehr seiner Blödheit,
drehte er ein Video von sich,
hielt das Gesicht an die drehende Säge,
dicht, ganz dicht.
Als der Lehrer hinzu kam, erschrak er
und verlor das Gleichgewicht.
Der Lehrer stieß ihn weg mit einem Hieb,
was jedoch ihn selbst in die Fänge der Säge trieb.

Die bösen Zähne der Säge rotierten,
zerrissen Sehnen, Venen
und amputierten
des armen Mannes arm,
das Blut ergoss sich,
dunkelrot und warm.

Noch immer auf dem Fahrrad sitzt unser Mann,
zieht an der Kippe, müsst´ sich beeilen,
ist eigentlich schon spät dran.
Er arbeitet jetzt halbtags in ´nem Baumarkt
und ganztags an ´nem Herzinfarkt.

Den Job verlor´n,
vom Leben verraten,
hat sich der ehemalige Lehrer geschwor´n,
die zu peinigen, die zu schinden,
die mit Kundenkarten
Rindenmulch kaufen
und Möbel für den Garten.

Als Strafe für die Menschheit und die Pete´s dieser Welt,
arbeitet er im Baumarkt,
kassiert sein Geld,
für´s Nichtstun,
für´s Ausruh´n,
für´s Schwänzen und den Müßiggang.
Bewaffnet mit Demotivation und dem Hang
zur Misanthropie.
Ein großer Menschenfreund war er nie,
doch jetzt,
hat er Freude dran, wenn er
Teppiche zerfetzt,
den Holzzuschnitt versaut,
Kollegen verpetzt,
auf der Personaltoilette das Klopapier anraut,
die Kunden anschreit,
die Farben verbleit,
das Laminat aufweicht,
auf der Flucht vor Fragen,
durch die Gänge schleicht,
die Nägel stumpft,
zwei Meter Kantholz
auf eins neunundneunzig schrumpft,
Leim mit Vaseline vertauscht,
die geile Azubine mit Farbverdünner berauscht.

Das Schicksal des Schülers, des Lehrers noch immer verbunden.
Den Schaden hat er nie verwunden.
Der Schüler hatte den Lehrer verdorben.
Das Gute, das Faire,
jeglicher Anstand in ihm
war gestorben.
Er kümmert sich nicht mehr um Wert oder Norm,
das Böse trägt jetzt ´ne Baumarktuniform.

Wer Birmerich bei der Arbeit sieht, muss verstehen,
manche Menschen wollen die Welt einfach nur brennen sehen.
Und die Moral von der Geschicht:
Den Einarmigen, der auf dem Fahrrad Zigaretten dreht,
spricht man besser nicht,
an,
denn – falls man ihn überhaupt mal sieht –
es ist nichts Gutes, was dann geschieht.
Und wer es dennoch nicht lassen kann,
der ist arm dran.