Ich fand das ganz große Glück in Osnabrück

Ich habe da so ein Problem. Es ist mir aus unerfindlichen Gründen ein dringendes Bedürfnis, Witze über die Stadt zu machen, in der ich auftrete. Selbst, wenn ich in dieser Stadt lebe.

In Hameln fragte ich das Publikum, wie es sich so lebe in einer Stadt, die für Kindesentführung mit phallischen Musikinstrumenten berühmt ist. In Augsburg sagte ich, dass Sachsen-Anhalt und Bayern eigentlich viel gemeinsam haben: die Unfähigkeit zum Hochdeutschen und Fremdenfeindlichkeit. In Chemnitz sagte ich…nun, ja…nichts. Man tritt niemanden, der schon am Boden liegt.
Aber was für Witze macht man bitteschön über Osnabrück? Eine Stadt, die so progressiv, so multikulturell, so tolerant, so hundertprozentig biologisch abbaubar ist, das man sich nur laut fragen kann: »Was ist dein scheiß Problem, Osnabrück? Welche Leiche im Keller versuchst du hier eigentlich zu kompensieren?«

Ich bin nicht witzig in Osnabrück. Es gibt hier nicht mal Nazis, über die man sich lustig machen kann. Das war in Magdeburg nie ein Problem. Zugegeben, das Vakuum rechten Gedankenguts ist ein erstrebenswerter Zustand, an der sich die gesamte Republik ein Beispiel nehmen sollte, aber auch ein Problem für mich als Künstler. Ich bin fast versucht, hier eigenhändig eine AfD-Ortsgruppe zu gründen, damit ich nicht arbeitslos werde. Ich meine, wer wäre dafür geeigneter als ich in meiner Eigenschaft als Ossi?
Aber weil ich das im Grunde meines Herzens nicht will, muss ich mein Städte-Bashing-Tourette irgendwie auf anderem Wege befriedigen.

Einer repräsentativen Umfrage aus dem Jahr 2002 zufolge, leben in Osnabrück die glücklichsten Deutschen. Aber wenn man sich die Gesichter in der Stadt so anschaut, kommt man nicht umhin, bei sich zu denken, dass das den Osnabrückern niemand mitgeteilt hat. Der einzige Hinweis, dass die Leute ihr Leben irgendwie gut finden könnten sind die Fahrradhelme, die hier alle tragen. Fahrradfahrer, Fabrikarbeiter, Feuerwehrleute, da wo ich herkomme trägt niemand eine wie auch immer geartete Form von Schutzbekleidung. Scheinbar in der kühnen Hoffnung, durch den süßen Tod vom Schicksal, in Sachsen-Anhalt zu leben, erlöst zu werden.
Ich bin überzeugt, dass sich diese ganze Glücksnummer einzig und allein auf ein furchtbares Stück deutschen Liedguts aus den Neunzigern stützt.
»Ich fand das ganz große Glück mit dir im Zug nach Osnabrück.«
Ein Song, der mehr Asche über das Haupt einer Stadt gebracht hat, als der Ausbruch des Vesuv über Pompeii. Und der ganz nebenbei Namensgeber für unzählige Image-Kampagnen war. Nur weil sich das Wort »Glück« zufällig auf Osnabrück reimt. Mir fallen ganz andere Reime ein, wenn ich an Osnabrück denke. Miststück, zum Beispiel.

Der Song sagt ja nicht einmal zweifelsfrei aus, ob die beiden Interpreten Cliff und Rexonah jemals in Osnabrück angekommen sind. Vielleicht ist der verdammte Zug ja entgleist, nachdem die beiden grenzdebilen Vollidioten hinter Bielefeld Sekt bestellt haben.
Noch ein schöner Reim: Zugunglück. Dieses hätte ich mir für die beiden gewünscht, bevor sie auf diesen kongenialen Reim kommen konnten.

Schuld daran haben am Ende die Stadtgründer selbst. Man hätte das kommen sehen müssen. Eine der Überlieferungen zur Namensgebung besagt, dass Osnabrück dort gegründet wurde, wo ein paar Ochsen den Fluss Hase durch eine flache Stelle überquerten. Wenn das so stimmt, dann wünsche ich mir eine Zeitmaschine, um genau zum Zeitpunkt der Namensgebung zurückzureisen und dieses Debakel zu verhindern.
»Ich nenne diese Stadt ›Osnabrück!‹«
»Ähm, das halte ich für eine schlechte Idee.«
»Wer bist du?«
»Ich komme aus der Zukunft. Und dieser Name wird Elend über die Bevölkerung bringen.«
»Ist doch ein schöner Name.«
»Mag sein, aber es wird eine Musikrichtung namens ›Schlager‹ geben.«
»Schlager?«
»Ja,ja. Die machen Musik für die Alten und die geistig Schwachen, haben vollkommen grundlose, gezwungene gute Laune, verschandeln die Kultur, verbreiten Plattitüden und reimen ›Glück‹ auf ›Osnabrück‹. Die machen eine Lachnummer aus deiner Stadt.«
»Ohne Scheiß?«
»Ohne Scheiß!«
»Ja, und wie soll ich die Stadt sonst nennen, wenn ich die Brücke nicht erwähnen darf?«
»Das ist der nächste Punkt. Diggi, da ist nicht mal eine Brücke! Das ist eine Furt. Eine flache Stelle in einem Fluss nennt man Furt. Erfurt, Frankfurt. Klingelt da etwas?.«
»Na, schön dann eben Osna…furt.«

Ich bin wirklich der Meinung, man sollte die Stadt in Osnafurt umbenennen. Generell kann diese Stadt ein paar Namensänderungen dringend gebrauchen. Das Iduna-Hochhaus sollte Kristallpalast oder – noch treffender – Crystal Meth-Palast heißen. Und der Westerberg sollte mit dem Namen Bonzenberg oder Yuppiehügel bedacht werden und überhaupt – was sind das eigentlich für Stadtteilnamen?
Atter. Nahne. Haste.
Waren die Gründerväter Schwachsinnige oder Kinder oder…schwachsinnige Kinder?
Haste.
»Haste Bock?«
»Haste gute Laune?«
»Haste die Schnauze voll davon, in der scheiß Wortspielhölle zu leben?«
Ja, hab ich!

Aber mal ganz ehrlich: eigentlich lebe ich gern hier. Eigentlich liebe ich diese Stadt für genau das, was sie ist. Dafür, dass jeder Mensch hier das ganz große Glück finden kann, ganz egal, wie er aussieht, welche Farbe seine Haut trägt, welcher Kultur er entstammt, was er isst, wen er liebt, welcher Religion er sich zugehörig fühlt. Ich liebe diese Stadt dafür, dass sie das Wort »Friedensstadt« nicht nur auf den Schildern zu stehen hat, sondern, dass dieser Frieden tatsächlich praktiziert wird indem sich alle Menschen bemühen, in Frieden miteinander zu leben. Es sei denn, der VfL verliert mal wieder Zuhause. Ich lebe von Herzen gern in dieser Stadt, gerade weil sie so ist, wie sie ist: progressiv, multikulturell, tolerant.

Scheiße, so darf der Text nicht enden. Ich muss selbst fast kotzen wegen dieses triefend kitschigen Pathos. Der Text braucht definitiv ein anderes Ende. Die perfekte Gelegenheit, um noch mal eben zwei Dinge klarzustellen:
1. Ich lebe gar nicht in Osnabrück, sondern in Büren.
2. Wenn noch mal jemand daherkommt und einen Slogan aus den Wörtern »Glück« und »Osnabrück« bastelt, dann gibt’s was auf die Fresse!

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Kleinkunst Triathlon, 12.05.2018

Spiel, Satz und Lied

Noch brutaler. Noch fulminanter. Noch adrenalinöser. Bei ihrem letzten Aufeinandertreffen brachte der Liedermacker Mayerhofer dem Hobbyzyniker Karuso eine vernichtende Niederlage bei. Diese Schmach will – nein, kann – Karuso nicht länger auf sich sitzenlassen.
Die beiden Multitalent-Monster duellieren sich zum nunmehr dritten Mal.

Laander Karuso Training Video

Der Kleinkunst Triathlon ist das schöngeistige Duell der beiden Universal-Entertainment-Künstler Bastian Mayerhofer und Laander Karuso. In einem erbitterten Kampf wollen die Künstler herausfinden, wer von beiden der Bessere ist. Ein Dreikampf aus Lesen, Singen und Radfahren (freie Kür), der für die Kombattanten eine Herausforderung und für das Publikum Überraschungen bereit hält. Alles kann passieren!

Plakat schriffi

Eintritt frei.
Wir empfehlen, Plätze zu reservieren: 030 4467 3433

Der Titelverteidiger: Bastian Mayerhofer
Bastian Mayerhofer wurde vor x Jahren in der Nähe von Salzburg geboren. Der Exil-Berliner ist Sprachpsychologe, Humorforscher, promovierte 2014 und ist – nicht zuletzt – ein umtriebiger Kleinkünstler. Seit 2011 steht er auf den Bühnen der Republik und schmettert den Publika seine wilde Mischung aus Musik-Kabarett, Slam-Literatur, Comedy, Rap, Reggae und Schauspiel um die Ohren. 2016 veröffentlichte er sein Debut „Wirsing fürs Volk“ als Buch mit CD beim Periplaneta Verlag, Berlin.

Der Herausforderer: Laander Karuso
Kaurso (*1986) ist ein Schreiber, Musiker und Slam–Poet aus Osnabrück. Er hat auch eine ordentliche Künstler-Vita, die sowohl Schulabbruch und Gelegenheitsjobs als auch zahlreiche Bandprojekte beinhaltet. Er ist Poetry Slam Stadtmeister von Magdeburg (2015), Sachsen-Anhalt Poetry-Slam-Vizemeister (2014) und gewann 2014 die Sachsen-Anhaltiner Landesmeisterschaft im Song Slam. Beim Label frogrocks records erschien 2016 sein erstes Album „Coме оn, кошка!“ Sein literarisches Debüt „Der Weg zu meinem verfickten Seelenfrieden“ war nominiert für den “Ungewöhnlichsten Buchtitel des Jahres 2016“.

Kleinkunst Triathlon #2: Rückspiel

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Sie sind zurück. Mit geschärften Skills, neuen Waffen und unendlichem Biss. Nach einem fulminanten ersten Aufeinandertreffen, messen sich die beiden Wort-Giganten in einem zweiten Showdown auf Leben und Tod! Kleinkunst Triathlon #2: The Taste of Revenge!
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►Kleinkunst-Triathlon: Lesen, Singen, Radfahren* (freie Kür)

Der Kleinkunst Triathlon ist das schöngeistige Duell der beiden Multitalent-Monster Bastian Mayerhofer und Laander Karuso. In einem zweiten erbitterten Kampf wollen die Künstler herausfinden, wer von beiden der Bessere ist. Ein Dreikampf aus Lesen, Singen und Radfahren (freie Kür), der für die Kombattanten eine Herausforderung und für das Publikum Überraschungen bereit hält. Alles kann passieren!

Der Eintritt ist frei. Wir empfehlen, Plätze zu reservieren: 030 4467 3433

Bastian Mayerhofer wurde in der Nähe von Salzburg geboren. Der Exil-Berliner ist Sprachpsychologe, Humorforscher, promovierte 2014 und ist – nicht zuletzt – ein umtriebiger Kleinkünstler. Seit 2011 steht er auf den Bühnen der Republik und schmettert den Publika seine wilde Mischung aus Musik-Kabarett, Slam-Literatur, Comedy, Rap, Reggae und Schauspiel um die Ohren. 2016 veröffentlichte er sein Debüt „Wirsing fürs Volk“.

https://bastianmayerhofer.com/

Laander Karuso (*1986) ist ein Schreiber, Musiker und Slam–Poet aus Osnabrück. Er hat auch eine ordentliche Künstler-Vita, die sowohl Schulabbruch und Gelegenheitsjobs als auch zahlreiche Bandprojekte beinhaltet. Er ist Poetry Slam Stadtmeister von Magdeburg (2015), Sachsen-Anhalt Poetry-Slam-Vizemeister (2014) und gewann 2014 die Sachsen-Anhaltiner Landesmeisterschaft im Song Slam. Beim Label frogrocks records erschien 2016 sein erstes Album „Coме оn, кошка!“ Sein literarisches Debüt „Der Weg zu meinem verfickten Seelenfrieden“ war nominiert für den “Ungewöhnlichsten Buchtitel des Jahres 2016“.

https://laanderkaruso.wordpress.com/

Die Kaffeefahrt

Eine Kaffeefahrt ist eine organisierte Unternehmung, die eine Gewinnmaximierung zum Ziel hat. Dubiose Firmen werben mit einer günstigen Ausflugsfahrt – zumeist mit dem Bus – bei der Kaffee und Kuchen oder ein Mittagessen angeboten wird. Die hauptsächlichen Opfer dieser Kaffeefahrten sind Rentner, deren Sehnsucht nach einem Schnäppchen, einem schönen Erlebnis oder dem bloßen Zusammensein mit anderen Menschen heimtückisch ausgenutzt wird. An besagten Ausflug schließt sich in der Regel eine Verkaufsveranstaltung an, bei der vorgeblich hochwertige, revolutionäre oder noch nicht im Handel erhältliche Produkte zu überzogenen Preisen feilgeboten werden. Der Verkauf dieser Produkte wird mit teils erschreckenden Methoden erreicht. Obwohl Medien seit Jahren die Strategien der Geschäftemacher aufdecken, fallen arglose Senioren noch immer auf diese Bauernfängerei herein. Bei jeder dieser Berichterstattungen kommt man nicht umhin, sich zu fragen, wie diese Betrüger sich überhaupt noch selbst im Spiegel betrachten können. Ganz ehrlich:
So schlimm ist das gar nicht. Und irgendwie muss ich doch meinen Scheiß los werden.

»Mein Buch ›Der Weg zu meinem verfickten Seelenfrieden‹ ist jetzt seit 10 verfickten Monaten draußen und steht noch nicht auf der Spiegel Bestseller Liste. Finden Sie das in Ordnung?«, fragte ich in den Saal des Landgasthofs hinein. An einer gewaltigen, U-förmigen Tafel saßen die Mitglieder des Seniorenvereins Spessart.
Alle waren ganz euphorisch, als sie den Bus betraten und Platz nahmen. Die Damen imponierten sich gegenseitig mit ihren heimlich mitgebrachten Pikkoloflaschen, die Männer erzählten sich bereits die ersten zotigen Altherrenwitze, pflegten das Lebenswerk Fips Asmussens wie eine Herz-Lungen-Maschine.
»Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich möchte Sie recht herzlich auf unserem heutigen Ausflug begrüßen«, säuselte ich nonchalant in das Mikrophon des komfortabel eingerichteten Reisebusses. »Das Ziel unserer Reise ist die berühmte Loreley. Und es ist mir eine besondere Freude, Ihnen mitteilen zu können, dass diese Reise für Sie völlig kostenlos ist.«
Begeisterte »Oh«´s und »Ah«´s gingen durch die Reihen. Damit konnte man arbeiten.
»Aber bevor es los geht, bekommen die Damen erst mal schön einen Kurzen von mir, damit wir auch in die richtige Ausflugsstimmung kommen.«
Drei Minuten später hatte ich den gesamten Karton Kleiner Klopfer unter den anwesenden Frauen verteilt und stand, einen bunten, metallenen Schraubverschluss auf der Nasenspitze, im Mittelgang des Busses.
»Ex, hopp, rin in´n Kopp!«, forderte ich und stürzte den Sauerkirschlikör hinunter. Nur zu gern folgten die Dämchen meinem Beispiel.
»Während unser sympathischer Fahrer unseren luxuriösen Planwagen hier in Bewegung setzt, gibt es von mir ein paar kurze, knackige Informationen über unsere Reiseattraktion:
Die Loreley ist ein Schieferfelsen, der 132 Meter über dem östlichen, rechten Rheinufer aufragt. Der – ich sage mal – steinerne Augenschmaus befindet sich seit dem Jahr 2002 im UNESCO Welterbe. Aber bei all der Schönheit lauert auch Gefahr. Viele Schiffer kamen in den Felsen, Riffen und Untiefen an der Loreley ums Leben. Über Schönheit und Gefahr schrieb Clemens Brentano dann auch eine Ballade, in der die Lore Lay eine Zauberin ist, die mit ihrer atemberaubenden Schönheit die Männer magisch verführt, wodurch diese den Tod finden. Obwohl die Geschichte natürlich frei erfunden ist, bin ich sicher, dass wir hier drinnen«, ich zählte durch, »32 Zauberinnen haben, die den Herren der Schöpfung mindestens so gut den Kopf verdrehen können, wie die Lore Lay, hab ich nicht recht?« Sei es vom Alkohol als Schmiermittel oder meinem schmierigen Charme, die Damen erröteten und verwandelten sich kichernd in die Schulmädchenversionen ihrerselbst. Die Hälfte war geschafft. Fehlten die Herren.
»Von daher kann man den Männern keinen Vorwurf machen, wenn sie alles für so eine Frau geben. Allerdings gibt es auch Frauen, die uns Männern den Tod bringen, ohne besonders schön zu sein. Nehmen Sie zum Beispiel meine Frau. Nein, im Ernst nehmen Sie sie! Ich will sie nicht!«

Einige Herren erwachten durch diesen uralten Kalauer aus ihren Tagträumen, andere lachten hüstelnd auf.
»Meine Frau ist so hässlich, dass ihre Eltern ihr ein Kotelett um den Hals gebunden haben, damit wenigstens der Hund mit ihr spielt. Das ist eine Vogelscheuche. Neulich kommt mein Kleiner zu mir und fragt: ›Papi, lassen wir heute Nachmittag den Drachen steigen?‹. Da sag ich: ›Nee, lass Mami mal schlafen‹. Das ist eine Nebelkrähe, sag ich euch. Aber bei der Mutter ist das auch gar kein Wunder. Neulich Abend regnet es in Strömen. Ich sitz´ gemütlich in meinem Sessel. Plötzlich klingelt es an der Tür. Ich öffne und antworte ›Schwiegermutter. Was stehst´n du da draußen im Regen? Geh´doch nach Hause.«

Ich knallte einen humoristischen Gassenhauer nach dem anderen raus, feuerte zotige Pointen auf die Leute ab, wie aus einer Stalinorgel. Die einen lachten befreit über die Witze, andere schlugen sich begeistert auf die Schenkel wieder andere hielten sich die Atemmasken ihrer Sauerstoffgeräte vor die Gesichter, völlig außer Atem. Nach anderthalb Stunden waren sie alle mein. Keine Minute zu früh, denn der Busfahrer bog gerade – wie angewiesen – in die Zufahrt zum Landgasthof ein.
»Jetzt machen wir erst mal ein schönes Päuschen. Und zur Stärkung gibt es lecker Kaffee und Kuchen«, eröffnete ich den Senioren.

»Wann gibt es denn Kaffee und Kuchen?«, fragte Frau Markowski nach einer Stunde und 42 Minuten.
»Wenn Sie eins meiner Bücher gekauft haben«, antwortete ich lakonisch. Ich war jetzt nicht mehr so freundlich und charmant.
»Wir haben Hunger«, sagte Herr Birmerich.
»Ach, Sie haben also Hunger? Wissen Sie, wer noch Hunger hat, Reinhard? Meine Kinder.« Ich habe keine Kinder.
»Und wollen Sie auch wissen, warum? Weil so knauserige, alte Faltensäcke, wie Sie, sich weigern, Kunst angemessen zu entlohnen. Deswegen hungern meine Kinder, Reinhard! DESWEGEN HUNGERN MEINE KINDER!«
»Wie heißen denn Ihre Kinder?«, wollte Frau Norderstedt wissen.
»Bitte, Erika. Wir wollen doch nicht persönlich werden, oder?«
»Das Buch hat mir nicht gefallen«, sagte Herr Schlippnewski.
»Das Buch hat Ihnen nicht gefallen? Mein Buch hat Ihnen nicht gefallen? Sie haben mein Buch doch nur nicht richtig verstanden! Aber das macht nichts, wir können noch den ganzen Tag lang hier sitzen und meine Kunst genießen.«
Nach zwei weiteren kompletten Lesungen meines Buches waren die Mitglieder des Seniorenvereins Spessart sichtlich mürbe geworden. Ich hatte inzwischen zehn Exemplare verkauft. Immerhin. Einige lagen mit den Köpfen auf den Tischen, andere weinten leise in ihre Hände. Doch auch renitente Rentner befanden sich in unserer Mitte. Drei Herren bildeten eine Allianz und versuchten, die Bücher zu verbrennen. Das kannten die so von früher. Eine flinke, kleine Dame – Frau Münchmeier – wurde bei ihrem Versuch, den Saal zu verlassen jäh von einem der eigens hierfür engagierten Türsteher gestoppt. Sie lag seit Minuten auf dem Boden und atmete nur noch ganz flach. Ich hatte ihr zum Trost ein signiertes Buch hingelegt. Mit Widmung.
Aus der angsterfüllten Stille innerhalb des Saals heraus, meldete sich Frau Markoswki zu Wort:
»Herr Birmerich braucht seine Herztabletten.«
»Herr Birmerich hat noch immer kein Buch gekauft«, antwortete ich.
»Aber er braucht seine Medikamente!«, insistierte Frau Markowski.
»Wissen Sie, wer noch Medikamente braucht, Irmgard? Meine Kinder! Also, wenn Sie kein Buch kaufen wollen, dann halten Sie gefälligst Ihre dämliche Klappe.«
»Bitte. Bitte hören Sie auf. Wir haben Angst.«, flehte eine leise Stimme aus der Menge.
»Angst? Sie brauchen doch keine Angst zu haben. Ich werde Ihnen doch kein Leid zufügen. Wir mögen uns doch. Ich verspreche Ihnen, dass niemandem etwas geschehen wird«, mein Blick fiel auf die kleine Dame am Boden, Frau Münchmeier, »wenn Sie ein Buch kaufen.«

Entgeistert blickten mir die Senioren entgegen. In ihren Blicken flackerte aber noch ein Quäntchen zu viel Widerstand.
»Soll ich noch mal lesen?«, fragte ich.
Augenblicklich zückten alle Anwesenden ihre Geldbörsen und hielten mir graue, rote, blaue, orange und sogar lila Geldscheine entgegen.
Alles in allem war es eine relativ ertragreiche Fahrt, gestern. 59 verkaufte Bücher von 60 Senioren ist kein schlechter Schnitt. Haha, Frau Münchmeier. Da hab ich doch ihr Buch am Ende vollkommen vergebens signiert. Na ja, hat man nicht ahnen können, dass sie es nicht mehr lesen kann. Ich mach´ das alles ja auch nicht gern. Aber tja: Was tut man nicht alles, um erfolgreich zu sein…

Der eingebildetste Kranke der Welt

Teil IV – Hypochonder aller Länder vereinigt euch!

Das ist kein Herzinfarkt. Das sind einfach nur Rückenschmerzen. Dieses Drücken in der Brust, dieses Engegefühl, diese Taubheit im linken Arm. Das sind Rückenschmerzen, sagen die Ärzte. Mein EKG ist lupenrein. Auch unter Belastung liegen Puls und Blutdruck weit unter dem, was irgendwie gefährlich werden könnte. Wo ich eine koronare Herzerkrankung in meinem Alter her haben wolle, fragen mich die Ärzte jedes Mal, wenn ich um eine Untersuchung bitte. Der kalte Schweiß, die Übelkeit, die panische Angst, die langsam in mir hochsteigt, das ist kein Herzinfarkt.
Es kann eigentlich überhaupt keiner sein! Ungefähr 40 % aller Herzinfarkte ereignen sich morgens zwischen 6 und 10 – und es ist gleich halb elf.

Einen Infarkt zu bekommen würde mir auch gerade überhaupt nicht passen. Ich sitze in einem Stuhlkreis mit vielen Menschen um mich herum. Würde ich jetzt und hier in mich zusammenbrechen und sterben, zöge ich die ganze Aufmerksam auf mich und würde für eine sehr unangenehme Stimmung sorgen. Aus der Hosentasche zücke ich meine Liste von Situationen, in denen der plötzliche Herztod etwas ungelegen käme. Ich will das Wort »Stuhlkreis« hinzufügen.
Bis jetzt habe ich notiert: Bühne, Sex, Zugfahrt, Stendal, Trennung, Hochzeit, Beerdigung, Kindergeburtstag, Mama´s Geburtstag, Papa´s Geburtstag, jeder scheiß Geburtstag, Zirkus, Flixbus, Abschiedskuss, Dienstschluss.
Ich meine, das wäre wirklich total ärgerlich, wenn man den ganzen Tag lang gearbeitet hat, nur um dann nach dem Dienstende zu sterben. Ein Herzinfarkt direkt bei Arbeitsbeginn hingegen wäre etwas, das man durchaus positiv betrachten könnte. Immerhin wäre dann Feierabend.
Ich beschließe, der Vollständigkeit halber, eine Liste zu erstellen, die eine Herzattacke anhand ihrer Chancen und Perspektiven darstellt.
»Herzinfarkt«, murmele ich vor mich her und überlege, in welchen Situationen der Herztod hilfreich sein könnte.


»Laander?«, reißt mich eine Stimme aus meinen Gedanken, »Laander?«
Ich merke auf. Alle Blicke der im Stuhlkreis befindlichen Menschen sind auf mich gerichtet.
»Laander?«, sagt die Stimme nun etwas fordernder.
Sie gehört zu dem Mann, der auf drei Uhr im Kreis sitzt. Auch sein Blick ruht erwartungsvoll auf mir. »Wollen Sie sich uns vielleicht mitteilen?«
»Nein, danke.«
»Oh. Sie haben aber etwas von einem Herzinfarkt gemurmelt. Sicher, dass Sie nicht darüber reden möchten? Sie scheinen in Sorge zu sein.«
»Nein, nein. Alles gut«, sage ich, »Ich mache mir keine Sorgen mehr. Ich weiß, dass ich nicht demnächst sterben werde.«
Applaus brandet aus der Selbsthilfegruppe auf. Mein Nachbar klopft mir anerkennend auf die Schulter.
»Freut mich zu hören«, sagt der Gruppenleiter, »Wie steht es mit der ›Stimme‹, von der Sie berichtet haben? Der kleine Teil in Ihnen, der Ihnen einreden will, dass Sie bald sterben könnten.«
Ich zucke leicht und unmerklich zusammen. Die Stimme.
Ich habe sie schon eine ganze Weile nicht mehr gehört. Seit dem sie weg ist, geht es mir viel besser. Ich war seit mehr als einem Jahr nicht mehr in der Notaufnahme. Ich habe mir ausgeredet, dass ich etwas habe. Gleichzeitig habe ich gelernt, mir einzureden, dass mir nichts fehlt. Ich habe eine Entwicklung durchlaufen von jemandem, der minutiös auf jedes Zeichen seines Körpers achtet, zu jemandem der seine Impftermine todesverachtend ignoriert. Meine Impfung gegen Polio, Diphtherie und Tetanus ist seit einem halben Jahr überfällig. Ich bin der schlechteste Hypochonder der Welt! Und ich bin stolz darauf.
»Laander«, sagt der Gruppenleiter, »Was ist mit der Stimme?«
»Ach so, die«, sage ich lässig, »die ist weg.«
Abermals wird mit applaudiert. Ein sehr schönes Gefühl.
»Möchte sich vielleicht sonst jemand der Gruppe öffnen?«
Vereinzelt gehen zaghaft einige Hände nach oben. Drei Menschen sind neu in unserer Gruppe. Der Gruppenleiter ruft eine junge Frau auf, die einen Mundschutz trägt.
»Ja, bitte. Sie sind neu hier, nicht wahr?«
Die junge Frau nickt.
»Wie heißen Sie?«
»Tanja«, klingt es dumpf durch die Schaumstoffmaske vor ihrem Mund.
» ›Tanja‹ «, wiederholt der Gruppenleiter, »freut mich, Sie kennenzulernen. Wollen Sie uns mitteilen, was Sie heute hierher geführt hat?«
»Na ja, ich habe in der Vergangenheit«, setzt die junge Dame an, derweil unter den anderen Gruppenteilnehmern geraunt wird.
»Tanja, wenn ich Sie kurz unterbrechen darf«, hakt der Gruppenleiter ein, »wir können nur sehr schwer verstehen, was Sie sagen. Wie wäre es, wenn Sie den Mundschutz für einen Moment ablegen? Nur solange, wie Sie reden.«
Die junge Dame, Tanja, wirkt konsterniert. Ihre Augen sind weit aufgerissen und bewegen sich hastig von der einen zur anderen Seite. Sie weiß nicht, was sie tun soll.
»Das ist natürlich nur ein Vorschlag. Keiner hier zwingt Sie oder will Sie zu etwas überreden, bei dem Sie sich unwohl fühlen.«
Sie zögert. Gegenüber im Kreis fuhrwerkt ein älterer Herr hastig unter seinem Hemd herum.
Schließlich ringt sie sich dazu durch, die Hände an die Gummistrippen ihrer Maske zu legen und sie vom Kopf zu ziehen. Auch ihr wird applaudiert. Sie lächelt ein Lächeln, so strahlend und ehrlich, wie es Oskar-Preisträger nicht zustande bringen. Tanjas Nachbarin will sie anerkennend in den Arm nehmen, doch sie weicht zurück. Zu viel.
»Wie sie merken, sind wir alle sehr stolz auf Sie«, sagt der Gruppenleiter nicht minder lächelnd. Der ältere Mann beackert unter seinem Hemd die andere Seite seines Oberkörpers, bis er schließlich einen zylindrischen Gegenstand zum Vorschein bringt. Er schraubt eine blaue Kappe darauf und lässt ihn rasch in dem Rucksack neben sich verschwinden.

Eine Dame, schätzungsweise Mitte vierzig, sitzt auf acht Uhr und lächelt schon seit Beginn des Treffens leise in sich hinein. Sie sieht sehr gepflegt aus und scheint sehr bedacht auf ihr Äußeres. Der Gruppenleiter bemerkt ihr Lächeln ebenfalls und spricht Sie an.
»Lydia, irre ich mich, oder sehen Sie heute besonders zufrieden aus?«
Ihr Strahlen erhöht sich von Energiesparlampe auf 120 Watt.
»Ich habe einen Mann kennengelernt!«, platzt es aus ihr heraus, »Er nimmt mich, wie ich bin und wir sind sehr glücklich zusammen!«
Mit ›er nimmt mich, wie ich bin‹ meint Lydia, »er nimmt mich so hässlich, wie ich bin.«
Lydia ist nicht hässlich, nicht mal ein wenig. Sie ist eine sehr hübsche Frau, die aber der Überzeugung aufsitzt, sie sei von Geburt an missgebildet und entstellt. Der ältere Herr gegenüber im Kreis hat die Hände schon wieder unter seinem Hemd.
»Ich freue mich für Sie«, sagt der Gruppenleiter, »Sie sehen sehr schön aus, wenn Sie glücklich sind.« 120 Watt bis Supernova.
»Man, der Typ stinkt vielleicht.«

Ich blicke mich um. Wer hat das gesagt? Welches Arschloch hier besitzt die Stirn, so etwas zu sagen? Im Kreis entdecke ich keinen, der sich zu der Aussage bekennen würde, aber auch keine Empörung. Das Treffen nimmt seinen gewohnten Lauf.
»Das ist ja ekelhaft. Findest du nicht?«
Keiner merkt auf, keiner hört auf, zu sprechen. Ich ahne Böses.
»Du solltest es ihm sagen.«
Halt dein Maul, denke ich, halt dein Scheißmaul!
»Was denn? Er stinkt nun mal bestialisch und das sollte er wissen.«
Er stinkt nicht.
»Findest du? Ich – für meinen Teil – fühle mich beleidigt von seinem Gestank. Wieso du das nicht riechst, ist mir unbegreiflich. Vielleicht ist ja etwas bei dir nicht in Ordnung. Plötzlicher Verlust des Geruchssinns kann Zeichen eines Hirntumors sein.«
Guter Versuch, Stimme.
»Oder aber, deine Anosmie ist Frühsymptom einer aufkeimenden Parkinson-Erkrankung.«
Während die Stimme mich mit potentiellen Gründen für meine angebliche Geruchsunfähigkeit beliefert, fange ich an, in umgekehrten Fight-Club-Duktus zu denken. Verlust des Geruchssinns kann begründet sein durch: Hirntumor, Virusinfektion, Morbus Parkinson. Die Stimme weiß es, weil ich es weiß!
Ich habe weder einen Tumor, noch Parkinson, denke ich, ich werde nicht sterben und du kannst dich jetzt wieder verpissen!
»Erst, wenn du dem Typen gesagt hast, dass er stinkt wie eine mit Schweinedung gefüllte Smegma-Socke.«
Nein!
»Du willst mich doch nicht zwingen, dir etwas anzutun, oder?«
Was solltest du mir schon antun? Du hast keine Macht mehr über mich.
»Ach wirklich?«, sagt die Stimme in meinem Kopf.
Im selben Moment peitscht ein ungeahnter Schmerz durch meine Körpermitte und scheint mich zu zerteilen wie ein Blitz den Baum.
Ich stöhne, fasse mir an die Brust – was nicht unbemerkt bleibt.
»Geht es Ihnen gut?«, fragt mich der Gruppenleiter plötzlich.
»Ja,ja. Es geht schon«, ächze ich, »das sind nur Rückenschmerzen.«
»Siehst du?«, sagt die Stimme, »Genau so viel Macht habe ich noch über dich. Und jetzt, sag dem Typen, dass er verdammt noch mal stinkt. Zwing´ mich nicht zu etwas, das wir beide nicht wollen!«
Komm schon, denke ich, hab´ doch mal ein bisschen Erbarmen. Dem Mann geht es nicht gut. Er denkt fast sein ganzes Leben lang, dass er einen unangenehmen Geruch versprüht. Er hat einen Waschzwang, benutzt Deodorants, die man nur im Ausland bekommt und versaut sich seine Haut mit alledem. Er verlässt kaum das Haus, weil er überzeugt ist, dass er seine Mitmenschen mit seinem Geruch belästigt. Der Typ hat große Probleme und kann es echt nicht gebrauchen, dass ihn noch jemandem in seinem Denken bestätigt.
»Tu es, oder du stirbst!«
Mein versöhnlicher Tonfall und der Appell an das Mitgefühl der Stimme zeigen keinerlei Wirkung.
Nein!
»Ist das deine letzte Antwort?«
Ja.

Ein weiterer Schlag durchzuckt mich und fegt mich von meinem Stuhl. Dieser ist allerdings anders. Ich erfahre plötzlich am eigenen Leib, warum der Schmerz bei einem Herzinfarkt »Vernichtungsschmerz« genannt wird. Ich winde mich am Boden. Alle springen von ihren Stühlen auf und versuchen, mir zu helfen. Mir muss man aber nicht helfen – oder kann man mir nicht helfen? Ich weiß nicht, was das ist.
Irgendjemand brüllt die Worte »schnell«, »Hilfe» und »Herzinfarkt« in sein oder ihr Telefon.
»Das sind nur Rückenschmerzen!«, brülle ich wiederholt in den Raum, während ich auf einem Rollwagen heraus gebracht werde.
»Wir werden alle sterben!«, brüllt einer der Teilnehmer, während alle verängstigt im Kreis rennen.

Möbelhäuser und Heuchelei

– 19.07.2017 –

Gestern bekam ich die wahrscheinlich witzigste Auftrittsanfrage meiner bisherigen Karriere. Oder die am wenigsten witzige. Wie man es nimmt…

Meine Lesebühne Club der Zotendichter und ich sollten bei den Eröffnungsfeierlichkeiten des neuen IKEA Möbelhauses in Magdeburg auftreten. Ich dachte ernsthaft, nach der Anfrage im letzten Jahr, bei der Eröffnung einer Vero-Moda-Filiale in Stendal meine Texte zu lesen, könnte es nicht noch absurder werden. Falsch gedacht…

Witzig ist es deshalb, weil ich seit Jahren gern witzelnd mit der Einstellung hausieren gehe, dass die Karriere eines Künstlers unweigerlich beendet ist, wenn er bei der Eröffnung eines Baumarkts, eines Autohauses, eines Möbelhauses oder beim Altstadtfest in Haldensleben auftritt.

Ich habe den Aufritt meinerseits ohne langes Überlegen abgelehnt. Nicht etwa, weil – laut meinem Dafürhalten – meine Karriere dann beendet wäre, bevor sie überhaupt angefangen hat. Auch nicht wegen der beleidigend niedrigen Gage, die angeboten wurde. Ich lehnte es ab, weil ich es ablehne, für einen Konzern wie IKEA auf die Bühne zu gehen. Bei all der Kritik, die an IKEA geübt wird, sei es wegen Korruption, Diskriminierung von Frauen und Farbigen oder Überwachung von Mitarbeitern, könnte ich nicht guten Gewissens eine Veranstaltung von bzw. für IKEA durch meine Bühnentätigkeit supporten.

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https://onlinemarketing.de/wp-content/uploads/2017/02/boerder-wall-ikea.jpg

Wie in vemutlich jedem Menschen, der kritisch das Maul aufreißt, steckt auch in mir ein kleiner Heuchler. Ich muss zugeben, das eine oder andere Stück von dem schwedischen Möbelgiganten daheim stehen zu haben. Jedoch handelt es sich hierbei meiner Ansicht nach um zwei unterschiedliche Sachverhalte. Als Privatperson Produkte von IKEA zu kaufen steht für mich auf einem anderen Blatt, als als kritischer Künstler, der öffentlich Konzerne wie Nestlé oder McDonalds kritisiert, den Blaugelben gewissermaßen einen Ritterschlag zu erteilen.

Vermutlich interessiert es ohnehin niemanden, wo ich auf die Bühne gehe oder nicht. Aber entgegen meinem inkonsequenten Konsumverhalten ist mir meine Integrität als Künstler sehr viel wert.

Dieser Umstand ist entweder ein perfekter Beweis für meine Heuchelei oder für das Existieren einer Möglichkeit der strikten Trennung zwischen Privatperson und Kunstfigur…

Donald Trump, inzestuös, Suchtverlagerung oder Magdeburger Blitzpoesie

Beim Festival „Die Insel“ in Magdeburg hatten mein geschätzer Lesebühnen-Kollege Tobias Glufke und ich ein erbittertes Leseduell. Im Rahmen dessen gab es eine Impro-Runde, für die das Publikum uns folgende Begriffe zurief:

Donald Trump, inzestuös, Suchtverlagerung

In 6 Minuten schrieb ich folgendes Gedicht:

 

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Als Donald Trump…äh…
die alte Nazischlampe
eines Tags im weißen Haus erwachte,
dachte er bei sich:
„Nee, das will ich nich!

Ich will das nich, ich will das nicht!
Die Menschen sehen mein Gesicht
und hassen mich.
Jetzt bin ich am Präsidenten-Ruder,
ich inzestuöses Kind
von Karotten-Schwester
und Karotten-Bruder.

War besessen von Macht,
dann die Offenbarung:
Ich brauche eine Suchtverlagerung.
Wollte doch nur Anerkennung,
Probleme aufzeigen.
Jetzt kann mich niemand mehr leiden.

Wollte doch nur Künstler sein,
allen zeigen, groß und klein,
was auf dieser Welt abgeht.
Zeigen, wo der Zeiger steht,
wenn man,
wenn man schimpft, hetzt
und Scheiße erzählt,
ins Präsidentenamt wird gewählt.“

Am Ende die Frage:
Ist Donald Trump vielleicht der größte Satiriker der Welt,
oder nur ein Arschloch mit viel Geld?

Zweites!

​Verdammte Scheiße, ich muss irgendwie reich werden…

Ich denke über das Schreiben eines Entwicklungsromans nach. Ein alter Mann lebt einsam in den schwedischen Wäldern. Seine einzige Verbindung zur Außenwelt ist sein Macbook, mit welchem er skyped. 
Eines Tages zerstört ein Computervirus heimtückisch sein Kommunikationsgerät, für das er nahezu seine gesamte Habe hergegeben hat. Aus pekuniärer Not heraus ist er gezwungen, sich einen Microsoftcomputer zu kaufen. Widerwillig setzt er sich mit dem furchtbaren Betriebssystem auseinander, weiß er doch, dass ihm nichts Anderes übrig bleibt. 
Mit der Zeit freundet er sich jedoch mit dem Betriebssystem an und sie erleben die größten Abenteuer zusammen…
Titel des Romans: 

Pettersson und Windows