Der Einarmige, der auf dem Fahrrad Zigaretten dreht

Auf einem Fahrrad sitzt ein Mann
und tritt in die Pedale.
Die Sonne steht in ihr´m Zenit und knallt
auf die aschfahle
Glatze.
Das Gesicht zur Faust geballt
radelt er stoisch wie zum Trotze.

Der Schriftzug Marke ›Diamant‹
hängt über dünnen, rost´gen Speichen.
Am Lenker,
auf Antirutschband,
hängt des Mannes Markenzeichen:
Nur eine Hand.

Nur ein Arm, nur eine Hand.
Als wär´dem Mann das Hirn verbrannt.
Löst er nun auch noch diese eine
vom Griff,
gibt das Steuer frei
und trifft
in seiner Jacke
auf ein Päckchen Tabak,
der feine,
schwarze.
Nicht steuerfrei.

Noch in dem Pennerunterschlupf
aus feinstem Polyester,
packt er die dunklen Tabakfädenvogelnester
und stupft
sie in ein winzig Blatt Papier.
Dreht´s ein Mal von da nach hier,
dreht´s noch einmal,
leckt´s dann an,
steckt´s in Brand
und zieht daran.

Ein Mann von altem Schrot und Korn
Ein Mann wie eine stolze Eiche,
der Freude hatt´ an Buche, Beize, Buchs und Bleiche,
der zum Werken war gebor´n.
Ein Herr für´s Grobe,
nicht den feinen Pinselstrich,
ein Herr, ein Name den der Herrgott lobe:
Birmerich.

Birmerich, der Werkenlehrer,
seines Zeichens guter, fairer,
macht´einst einen schweren Fehler,
anzuvertauen den Werkraumschlüssel,
Peter – nichts als Scheiße in der Schüssel.

Peter, seines Zeichens Fauler, Frecher,
prädestiniert, ambitioniert,
zum Schulabbrecher.
Schwänzend, schwatzend, schwindend in der Masse,
schändlich alle Menschen schindend,
Abschluss – wenn´s gut läuft – achte Klasse.

Peter, von allen ›Pete‹ genannt,
hatte das Schüler-Lehrer-Verhältnis sehr verspannt.
Am ersten Tag in der Lehranstalt,
im Unterricht,
da dachte sich Pete: »Moment mal. Halt,
den fick´ ich, diesen Werkenwicht.
Den falt´ich zusammen, den laber´ich dicht.«

»Yo!«, hub der Bub an,
»Für den Scheiß hier bin ich nicht der Mann.
Dieser Boy hat nix Bock auf Unterricht im Worken.
Dieser Boy packt seinen Cock in Chicks, die twerken.
Du Otto hast hier Spaß mit Bast.
Ich deale auf der Straße Gras, Spast.
Ey listen, Mr. Birmerich.
Tonite you gonna be my bitch!«.

Birmerich dachte an Paidagōgós,
antiker Erzieher der Knaben,
und fragte sich, ›Was mach´ ich denn nun bloß?
Was soll man denn dazu noch sagen?«

Der Lehrer,
seit jeher
sachlich und kühl.
Sprach zu dem Gör
mit Feingefühl:
»Nu´ pass ma uff, du Pfeifenzeisig,
wenne hier ´rummuckst,
dann reiß´ ich dir ´n Kopp ab
und scheiß dir in ´n Hals,
dass de dich umguckst!«

Es geriet Pete an jemand,
der ihm die Grenzen aufwies,
was ihn vor Erstaunen erblassen
und auch Respekt bekommen ließ.

So konnten sich schließlich Lehrer
und Kind
so etwas wie vertragen.
So wie zwei Kerle,
wenn sie sich schlagen,
danach auf einmal Freunde sind.

Ihr Schicksal verwob sich mehr und mehr,
Peter mochte den Lehrer
und der Lehrer Peter später auch sehr,
er,
war stolz auf den Knaben,
und gab ihm Aufgaben,
die zum Mann ihn machen sollten.
Die Lehrerkollegen ihm fortwährend grollten.
Das wär´nicht gesund, das wär nicht normal.
»Ach, haltet den Mund, das ist mir egal.«
Er gab Pete den Schüssel zu seinem Reich.
»Schließ´ schon mal auf, ich komme gleich.
Wirst du mir auch versprechen, artig zu sein?«
»Ja«, sagte Peter.
Nein.

Das falsche Versprechen
des Falschen,
des Frechen,
war das Verhängnis des eifrigen Pädagog´,
weil Peter log.

Er warf die Kreissäge an,
zückte sein Telefon,
und zum Beweis
seiner Mann-
barkeit,
oder vielmehr seiner Blödheit,
drehte er ein Video von sich,
hielt das Gesicht an die drehende Säge,
dicht, ganz dicht.
Als der Lehrer hinzu kam, erschrak er
und verlor das Gleichgewicht.
Der Lehrer stieß ihn weg mit einem Hieb,
was jedoch ihn selbst in die Fänge der Säge trieb.

Die bösen Zähne der Säge rotierten,
zerrissen Sehnen, Venen
und amputierten
des armen Mannes arm,
das Blut ergoss sich,
dunkelrot und warm.

Noch immer auf dem Fahrrad sitzt unser Mann,
zieht an der Kippe, müsst´ sich beeilen,
ist eigentlich schon spät dran.
Er arbeitet jetzt halbtags in ´nem Baumarkt
und ganztags an ´nem Herzinfarkt.

Den Job verlor´n,
vom Leben verraten,
hat sich der ehemalige Lehrer geschwor´n,
die zu peinigen, die zu schinden,
die mit Kundenkarten
Rindenmulch kaufen
und Möbel für den Garten.

Als Strafe für die Menschheit und die Pete´s dieser Welt,
arbeitet er im Baumarkt,
kassiert sein Geld,
für´s Nichtstun,
für´s Ausruh´n,
für´s Schwänzen und den Müßiggang.
Bewaffnet mit Demotivation und dem Hang
zur Misanthropie.
Ein großer Menschenfreund war er nie,
doch jetzt,
hat er Freude dran, wenn er
Teppiche zerfetzt,
den Holzzuschnitt versaut,
Kollegen verpetzt,
auf der Personaltoilette das Klopapier anraut,
die Kunden anschreit,
die Farben verbleit,
das Laminat aufweicht,
auf der Flucht vor Fragen,
durch die Gänge schleicht,
die Nägel stumpft,
zwei Meter Kantholz
auf eins neunundneunzig schrumpft,
Leim mit Vaseline vertauscht,
die geile Azubine mit Farbverdünner berauscht.

Das Schicksal des Schülers, des Lehrers noch immer verbunden.
Den Schaden hat er nie verwunden.
Der Schüler hatte den Lehrer verdorben.
Das Gute, das Faire,
jeglicher Anstand in ihm
war gestorben.
Er kümmert sich nicht mehr um Wert oder Norm,
das Böse trägt jetzt ´ne Baumarktuniform.

Wer Birmerich bei der Arbeit sieht, muss verstehen,
manche Menschen wollen die Welt einfach nur brennen sehen.
Und die Moral von der Geschicht:
Den Einarmigen, der auf dem Fahrrad Zigaretten dreht,
spricht man besser nicht,
an,
denn – falls man ihn überhaupt mal sieht –
es ist nichts Gutes, was dann geschieht.
Und wer es dennoch nicht lassen kann,
der ist arm dran.

Dominik Bartels Buchrezension 

seelenfrieden800web

Mein guter Freund und hoch geschätzter Kollege Dominik Bartels -seines Zeichens erfolgreicher Autor, Inhaber des Blaulicht Verlags und renommierter Slam Poet – hat mir die Ehre erwiesen, mein Buch „Der Weg zu meinem verfickten Seelenfrieden“zu lesen und eine Kurzrezension darüber zu schreiben. Ich bin sehr erfreut über die netten Worte und die fachliche Einschätzung dieses großen Mannes.

„Warum sollte man das Buch eines Zynikers lesen? Immerhin zeichnet diese Geisteshaltung aus, dass ihre Vertreter mit beißendem Spott und bewusst die Gefühle anderer Personen oder gesellschaftliche Konventionen missachtend durch ihr Leben schlendern. Kann dabei gute und vor allem lesenswerte Literatur entstehen? Ja, bei Laander Karuso schon, denn unter der zuweilen harten Schale des Zynikers verbirgt sich ein genauer, intelligenter und kritischer Beobachter des aktuellen Zeitgeistes. Mit Eleganz und subtilem Humor zerlegt Karuso das wohlfeile, gutbürgerliche Bild des wackeren Teutonen, der nur zu gern weltläufig und kosmopolitisch erscheinen möchte aber am Ende doch den eigenen Zwängen gehorchend in der eigenen, kleinen Filterblase verharrt.

Und so hält uns hier jemand mit seinen Geschichten den Spiegel vor. Nicht, um uns bloß zu stellen, vielmehr damit wir uns erinnern, dass Veränderungen immer möglich sind. Mindestens bei uns selbst.“

Hier kann man das gute Stück erwerben:

http://www.periplaneta.com/Produkt/art/hoer-buecher/der-weg-zu-meinem-verfickten-seelenfrieden-buch-cd/

Und hier Dominik Bartels bei Facebook verfolgen:

https://www.facebook.com/fanseinseitedominikbartels/

Die Kaffeefahrt

Die Kaffeefahrt

I

Eine Kaffeefahrt ist eine organisierte Unternehmung, die eine Gewinnmaximierung zum Ziel hat. Dubiose Firmen werben mit einer günstigen Ausflugsfahrt – zumeist mit dem Bus – bei der Kaffee und Kuchen oder ein Mittagessen angeboten wird. Die hauptsächlichen Opfer dieser Kaffeefahrten sind Rentner, deren Sehnsucht nach einem Schnäppchen, einem schönen Erlebnis oder dem bloßen Zusammensein mit anderen Menschen heimtückisch ausgenutzt wird. An besagten Ausflug schließt sich in der Regel eine Verkaufsveranstaltung an, bei der vorgeblich hochwertige, revolutionäre oder noch nicht im Handel erhältliche Produkte zu überzogenen Preisen feilgeboten werden. Der Verkauf dieser Produkte wird mit teils erschreckenden Methoden erreicht. Obwohl Medien seit Jahren die Strategien der Geschäftemacher aufdecken, fallen arglose Senioren noch immer auf diese Bauernfängerei herein. Bei jeder dieser Berichterstattungen kommt man nicht umhin, sich zu fragen, wie diese Betrüger sich überhaupt noch selbst im Spiegel betrachten können. Ganz ehrlich:
So schlimm ist das gar nicht. Und irgendwie muss ich doch meinen Scheiß los werden.

»Mein Debutalbum ›Come on кошка!‹ ist jetzt seit mehr als einem halben Jahr draußen und hat noch kein Gold. Finden Sie das in Ordnung?«, frage ich in den Saal des Landgasthofs hinein. An einer gewaltigen, U-förmigen Tafel sitzen die Mitglieder des Seniorenvereins Spessart. Alle waren ganz euphorisch, als sie den Bus betraten und Platz nahmen. Die Damen imponierten sich gegenseitig mit ihren heimlich mitgebrachten Pikkoloflaschen, die Männer erzählten sich bereits die ersten zotigen Altherrenwitze, pflegten das Lebenswerk Fips Asmussens wie eine Herz-Lungen-Maschine.
»Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich möchte Sie recht herzlich auf unserem heutigen Ausflug begrüßen« säuselte ich nonchalant in das Mikrophon des komfortabel eingerichteten Reisebusses. »Das Ziel unserer Reise ist die berühmte Loreley. Und es ist mir eine besondere Freude, Ihnen mitteilen zu können, dass diese Reise – gesponsert von der Firma Bysotec – für Sie völlig kostenlos ist.«
Begeisterte ›Oh‹´s und ›Ah‹´s gingen durch die Reihen. Damit konnte man arbeiten.
»Aber bevor es los geht, bekommen die Damen erst mal schön einen Kurzen von mir, damit wir auch in die richtige Ausflugsstimmung kommen.«
Drei Minuten später hatte ich den gesamten Karton ›Kleiner Klopfer‹ unter den anwesenden Frauen verteilt und stand, einen bunten, metallenen Schraubverschluss auf der Nasenspitze, im Mittelgang des Busses.
»Ex, hopp, rinn in´n Kopp!«, forderte ich und stürzte den Sauerkirschlikör hinunter. Nur zu gern folgten die Dämchen meinem Beispiel.
»Während unser sympathischer Fahrer unseren luxuriösen Planwagen hier in Bewegung setzt, gibt es von mir ein paar kurze, knackige Informationen über unsere Reiseattraktion:
Die Loreley ist ein Schieferfelsen, der 132 Meter über dem östlichen, rechten Rheinufer aufragt. Der – ich sage mal – steinerne Augenschmaus befindet sich seit dem Jahr 2002 im UNESCO Welterbe. Aber bei all der Schönheit lauert auch Gefahr. Viele Schiffer kamen in den Felsen, Riffen und Untiefen an der Loreley ums Leben. Über Schönheit und Gefahr schrieb Clemens Brentano dann auch eine Ballade, in der die Lore Lay eine Zauberin ist, die mit ihrer atemberaubenden Schönheit die Herren der Schöpfung magisch verführt, wodurch diese den Tod finden. Obwohl die Geschichte natürlich erfunden ist, glaube ich dass wir hier drinnen« Ich zähle durch. »32 Zauberinnen haben, die den Männern mindestens so gut den Kopf verdrehen können, wie die Lore Lay, hab ich nicht recht?« Sei es vom Alkohol als Schmiermittel oder meinem schmierigen Charme, die Damen erröteten und verwandelten sich kichernd in die Schulmädchenversionen ihrerselbst. Die Hälfte war geschafft. Fehlten die Herren.
»Von daher kann man den Männern keinen Vorwurf machen, wenn sie alles für so eine Frau geben. Allerdings gibt es auch Frauen, die uns Männern den Tod bringen, ohne besonders schön zu sein. Nehmen Sie zum Beispiel meine Frau. Nein, im Ernst nehmen Sie sie! Ich will sie nicht!«

Einige Herren erwachten durch diesen uralten Kalauer aus ihren Tagträumen, andere lachten hüstelnd auf.
»Meine Frau ist so hässlich, dass ihre Eltern ihr ein Kotelett um den Hals gebunden haben, damit wenigstens der Hund mit ihr spielt. Neulich steht sie auf der Waage und sagt ›Schatz, ich hab´zwei Kilo abgenommen‹. Da sag ich: ›Du bist ja auch noch nicht geschminkt, Mensch‹. Das ist eine Vogelscheuche, sag ich euch. Aber bei der Mutter ist das auch gar kein Wunder. Neulich Abend regnet es in Strömen. Ich sitz´ gemütlich in meinem Sessel. Plötzlich klingelt es an der Tür. Ich öffne und antworte ›Schwiegermutter. Was stehst´n du da draußen im Regen? Geh´doch nach Hause.«

Ich knallte einen humoristischen Gassenhauer nach dem anderen raus, feuerte zotige Pointen auf die Leute ab, wie aus einer Stalinorgel. Die einen lachten befreit über die Witze, andere schlugen sich begeistert auf die Schenkel wieder andere hielten sich die Atemmasken ihrer Sauerstoffgeräte vor die Gesichter, völlig außer Atem. Nach anderthalb Stunden waren sie alle mein. Keine Minute zu früh, denn der Busfahrer, bog wie angewiesen gerade in die Zufahrt zum Landgasthof ein.

Arbeit ist scheiße!

– 09.06.2015 –

»Und wie wär´s mit Koch?«
Bonzenbrenner und ich sitzen am Wohnzimmertisch und blättern Stellenanzeigen durch. Vorgestern wurde ihm vom Amt schriftlich mitgeteilt, dass ihm das Geld gestrichen wird, da er keinerlei Bestrebungen gezeigt hat, in Lohn und Brot zu kommen. Nun muss sich Bonzenbrenner einen Job suchen, damit er seine – nennen wir es mal – Wohnung weiterhin finanzieren kann.
»Nein«, sagt Bonzenbrenner entschieden, »Ist mir zu militaristisch, diese Gastronomie. Du weißt doch, dass ich was gegen Anbrüllen habe. Also…wenn ich angebrüllt werde.«
»Dann kann ich ›Barkeeper‹ wohl auch streichen«, stelle ich fest.
»Ja. Streich mal. Die Arbeitszeiten wären zwar geil, aber ich hab echt kein Bock auf das dumme Gelabere der ganzen Sprities. Verdammte Stammtischparolen. Immer dasselbe:
›Ich bin ja kein Nazi, aber…‹
Können die sich nicht mal was Neues einfallen lassen?
›Ich bin ja kein Nazi, allerdings… ‹
›Ich bin ja kein Nazi, wobei…‹
›Ich bin ja kein Nazi, dessenungeachtet…‹
›Ich bin ja kein Nazi, wiederum…‹
›Ich bin ja kein Nazi, nichtsdestoweniger…‹ Okay, das reicht«, unterbricht sich Bonzenbrenner, »Ich glaube, du hast kapiert, was ich meine: Nazis sind dumm.«
»Sagt der Punk, der Hitler als den vielleicht letzten großen Staatsmann bezeichnete«, entgegne ich mürrisch.
»Man, da war ich rotzenvoll!«
»Ja«, sage ich, »Das dumme Gelabere dieser ganzen Sprities ist furchtbar.«
Bonzenbrenner merkt nicht auf. Sarkasmus ist nicht so seins…
»Hier. Die Firma Bysotec sucht einen Verfahrensmechaniker für Kunststoff- und Kautschuktechnik. ›Bysotec‹«, wiederhole ich nachdenklich, »Was die wohl herstellen?«
»Keine Ahnung. Im Endeffekt wahrscheinlich Krebs«, sagt Bonzenbrenner lakonisch.
Ich muss lachen.
»Bysotec. Ihr führender und verlässlicher Hersteller in Sachen Krebs«, imitiere ich eine Radiowerbung. Statt über diesen gekonnten Witz zu lachen, hält Bonzenbrenner inne und blickt traurig drein.
»Man, ich will nicht arbeiten!«, quengelt er, »Arbeit ist scheiße!«
»Weißt du, ich wollte ja eigentlich nicht damit anfangen, aber ich – als mittlerweile produktives Mitglied der Gesellschaft – bin eigentlich ganz zufrieden mit meinem Leben. Ehrlich gesagt, mag ich meine Arbeit.«
»Die Geisel mag ihren Entführer auch mit der Zeit.«
»Du hast mehr Geld, du hast einen Grund, das Haus zu verlassen und du bist so angenehm erschöpft, du kannst nachts total gut schlafen.«
»Die Sklavenarbeiter in Amerika konnten nachts auch total gut schlafen.«
»Und dann das Gefühl beim Feierabend: pure Glückseligkeit. Ich finde, man weiß so etwas wie Freizeit erst richtig zu schätzen, wenn man arbeiten geht.«
»Oder anders ausgedrückt: Man weiß Freiheit erst zu schätzen, wenn man sie verloren hat.«
Skeptisch blicke ich Bonzenbrenner an.
»Fandest du das jetzt nicht selbst ein bisschen zu theatralisch?«
»Ist doch so!«, insistiert Bonzenbrenner, »Der Dreckstaat kommt an und sagt:
›Hallo, junger Bürger. Du bist gerade sechzehn geworden. Ich denke, du bist jetzt alt genug für die Wahrheit: Ich nehme dir jeden Morgen deine Freiheit und Selbstbestimmung weg. Abends, am Wochenende und im Urlaub kriegst du sie aber kurz wieder zurück. Ich will ganz offen zu dir sein: Bis wir beide damit aufhören können, wird es ungefähr fünfzig Jahre dauern – aber hey – du kriegst ´ne Mark Fuffzig. Bitte stirb früh.‹«
»Meine Fresse, man kann aber auch alles schlecht reden«, trotze ich,  »Ich, jedenfalls, gehe gern arbeiten. Ich mag die Herausforderung, die Struktur und das Gefühl, etwas wichtiges und sinnvolles getan zu haben.«
»Du zerschrotest in deiner Firma Metallteile.«
»Na und? Ich mache das nun mal sehr, sehr gern! Ich mag meine Arbeit. Die Bezahlung ist in Ordnung und meine Kollegen sind nett zu mir. Ich freue mich schon auf morgen. Morgen wird ein großartiger Arbeitstag, in einer nicht enden wollenden Reihe von großartigen Arbeitstagen! Wenn du mich entschuldigen würdest. Ich gehe jetzt nach Hause und schlafe ›wie ein Sklavenarbeiter›. Tschüss.«